Donnerstag, 6. Dezember 2007

ChangChung, 27.06.2005, Jörn Jaenecke
Hallo liebe Fleunde,
zum volläufigen Abschluß noch einen Lepolt. Nach all den begeistelten Zuschliften will ich mil noch mal die Zeit nehmen, meinen Computel fül andeles zu geblauchen als fül Datenbankplogammielung.

Die letzten fast zwei Monate habe ich mich im wesentlichen mit Datenbankprogrammierung betäubt. Die ersten Wochen hatten noch den Reiz des neuen und ich hatte einen Kollegen mit dem ich abends essen gehen und ich mich auch vernünftig unterhalten konnte. Trotzdem hat dies die Zeit nicht gefüllt, meine Bücher, die ich lesen wollte, habe ich aus Gewichtsgründen zu Haus gelassen und so bin ich in den ersten Wochen dem abendlichen Zappen durch 80 Kanäle erlegen. Es gibt nicht nur chinesische Sender, sondern auch koreanische und japanische, und natürlich CNN.

Seitdem ich wieder programmiere ist der Fernseher aus. Viel anderes kann man hier nicht machen. Changchun ist ein Dorf mit ca. 3,5 Mio. Einwohnern. Natürlich ist jetzt wo es so drückend warm ist, gewaltig Leben auf den Straßen. Überall stehen kleine Holzkohlegrills zwischen den Plattenbauten und man kann Fleischspieße oder Maiskolben essen. Aber Museen, Ausstellungen oder ähnliches gibt es nicht. Als ich mal in den ersten Wochen in Pu Yi's "Kaiserpalast", einem vorherigen Verwaltungsgebäude von drei jungen Chinesen auf Deutsch angesprochen wurde und ich sie dann nach weiteren Sehenswürdigkeiten fragte, wurde mir der Mondsee genannt, ca. 10 oder 20 km außerhalb. Das war's.

Wie schon berichtet, Gespräche sind nicht möglich. Interessanterweise ist Englisch Eingangsvoraussetzung für die Universität und die chinesischen Bewerber erzielen in den Englischtests im Durchschnitt eine deutlich höhere Punktzahl als Amerikaner oder Australier, denen eine Tageszeitung diesen Grammatiktest spaßeshalber vorgelegt hat, aber sie sprechen nicht, weil das in der Schule nicht geübt wird. Der Englischunterricht soll jetzt entsprechend reformiert werden.

An den Straßenverkehr kann man sich gewöhnen, zumindest solange man im Auto sitzt. Obwohl auch ein Zusammenstoß mit relativ niedriger Geschwindigkeit oder einem Fußgänger einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann, wenn man bedenkt, daß vor dem Beifahrersitz anstelle des Airbags häufig das Taxameter, eine rechteckige Metallbox, montiert ist. Einige Taxifahrer protestieren, wenn ich mich anschnalle. Einigen macht das Rechtsüberholen auch regelrecht Spaß, mir ja auch, aber ich zeige das nicht so offen und tue das auch nicht mit Tempo 100 in der Stadt. In den Außenbezirken bei FAW ist der Verkehr nicht mehr so dicht.

Eine Besonderheit im Vergleich zu (Nord-)Europa besteht zum Beispiel darin beim Linksabiegen an einer Kreuzung bei Grün vor dem entgegenkommenden Verkehr die Kreuzung zu queren. Der erste blockiert dann den geradeausfahrenden Verkehr in der Gegenrichtung, seinen Windschatten nutzen die nächsten 4 – 6 Fahrzeuge, um ebenfalls im flachen Winkel die Fahrbahn zu wechseln. Irgendwie winden sich dann beide Verkehrströme auf einer Fahrbahnseite durcheinander durch. Bei großen Kreuzungen schafft es ganze Reihe Linksabbieger vor dem entgegenkommenden Verkehr die Kreuzung zu queren und kommt dann den Fußgängern auf dem parallel laufenden Zebrastreifen entgegengefahren. Immerhin hupen sie, um einen zu warnen. Leider ist es mir zu schwer, den ganzen Tag eine große Eisenstange mit mir herumzutragen.

Hier hinter dem Hotel befindet sich eine Nebenstraße, die an einer Ampel in die Hauptstraße mündet. Am Wochenende und abends stauen sich die Taxen über zwei Querstraßen hinweg. Natürlich werden die Kreuzungen nicht freigehalten, so daß auch auf den Querstraßen der Verkehr zum erliegen kommt, immerhin funktionieren die Hupen noch. Auf dem Weg zur Arbeit werden die Kreuzungen in der Regel von einem Polizisten, an großen Kreuzungen auch drei, und vier Hilfskräften für die Radfahrer freigehalten. Wo Polizisten fehlen oder an einer Kreuzung, die von einer aufgeständerten Fahrbahn überspannt wird, und somit eigentlich zwei Kreuzungen darstellt, so daß ein Polizist allein überfordert ist, fahren die Leute auch dann in die Kreuzung wenn auf der anderen Seite der Verkehr nicht abfließt, als erstes behindern sie die Linksabbieger, die nicht durchkommen, dann nach Umspringen der Ampelphase den Querverkehr. Kommt dann der Polizist, das Problem zu beheben, passiert auf der anderen Seite der Brücke genau das gleiche. Jeder will der erste sein, am Ende brauchen alle länger.

In der schon erwähnten englischsprachigen Tageszeitung für Ausländer habe ich gelesen, daß in Peking mittlerweile 5000 Kameras (wahrscheinlich u.a.) das Verkehrsgeschehen überwachen und für chinesische Verhältnisse relativ hohe Geldstrafen in Verkehrsangelegenheiten verhängt werden. Der chinesischen Regierung ist sicherlich klar, daß bei der Olympiade 2008 europäische Gäste allein durch den Straßenverkehr bedingt ein negatives Bild mit nach Hause nehmen. Meiner Lebensqualität hier tun die Verkehrsverhältnisse jedenfalls gewaltig Abbruch, da Radfahren hier nur für lebensmüde möglich ist. Über meinen mittlerweile knabenhaften Oberschenkeln spannt sich nicht einmal mehr die Badehose (Retrostil) was sie bei Neuerwerb jedenfalls tat.

Ansonsten glaube ich jetzt auch die Ursache für die Personaldichte in Kaufhäusern und Restaurants zu kennen. Ihr könnt Euch vorstellen, hinter jeder oder jeder zweiten Vitrine, so groß wie euere Schreibtische z.B. mit Mobiltelephonen (davon im Kaufhaus eine ganze Etage) steht eine Verkäuferin. Auf dem Rückweg von der Arbeit passiere ich eine Straße mit Restaurants. Vor den Restaurants stehen zum Teil weniger als alle 10 m militärisch uniformierte Parkeinweiser und regulieren je ca. 4 – 5 Parkplätze vor dem Restaurant, dazu die zwei Begrüßungsdamen an der Tür. Erst hielt ich das für asiatische Geschäftssitte, die Ursache ist aber wohl ein staatlich vorgegebener Personalschlüssel pro Quadratmeter oder Tisch. Da ist es für den Restaurantbesitzer lohnender einige Mitarbeiter nach draußen und auf den freigewordenen Platz innen dafür ein paar Tische mehr zu stellen.

Mit meiner Datenbankentwicklung kam ich am Ende doch noch unter Druck, ich habe mehr Ideen, als ich umsetzen kann. Letzten Montag morgen wollte ich präsentieren, bin aber am Wochenende nicht so richtig fertig geworden. Dann klingelt erst der Wecker nicht, dann nach dem Frühstücken stehe ich mit meinem Laptop vor dem Hotel und der Fahrer kommt nicht. Auf Nachfrage an der Rezeption wurde mir erklärt, daß er am Sonntag doch noch nie gekommen sei. Na ja, bei nur zwei Tagen Produktion in der Woche kann man schon mal aus dem Rhythmus kommen. Es wäre gut wenn Microsoft unten rechts nicht nur die Uhrzeit, sondern auch den Wochentag anzeigen würde.

Meine Kreditkarte ist auch abgelaufen, damit hat sich auch die Frage nach einer digitalen Kamera vorerst erledigt. Ich bekomme zwar auch mit meiner EC-Karte Geld am Automaten, aber nur 2500 Yuan am Tag und solange nicht klar war, daß unsere chinesische Partnerfirma die Hotelrechnung direkt begleicht, mußte ich einplanen 12 mal zum Geldautomaten nebenan zu gehen. Für weitere Ausgaben hätte schlicht die Zeit nicht gereicht.

Also es wird Zeit, daß ich mal wieder nach Hause komme. Am 29.06 gegen 21:00 lande ich wieder in Hannover.
Gluß

Jöln

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