Silao, 06.01.2008
Hallo liebe Freunde,
heute komme ich zum touristischen Teil meines Urlaubs, äh meiner Dienstreise. Donnerstag nacht bin ich angekommen und schon naht das Wochenende, wir besuchen die nächste größere Stadt, Guanajuato, reich geworden durch Silber, gewonnen durch harte Arbeit anderer Leute, der zunächst versklavten, später nur rechtlosen indianische Bevölkerung. Interessant ist auch das weite Tunnelsystem unter der Altstadt, mit entsprechend bergmännischer Expertise in den Fels geschlagen und ggf. mit Rundbögen übermauert, darauf eine koloniale spanische Stadt mit engen Gassen, reich ausgestalteten geschlossenen Innenhöfen und immer wieder Brücken über den wenn nicht in Tunneln, dann in Schluchten laufenden Straßen, ursprünglich geschaffen für Pferdefuhrwerke, aber als Einbahnstraße auch für den heutigen Verkehr geeignet, einschließlich der typisch nordamerikanischen Busse auf LKW-Fahrgestell. Das Tunnelsystem kann eigentlich nicht jünger sein als die Stadt darüber. Beeindruckend.
Im Tageslicht angekommen ist diese Stadt voller Touristen, fast ausschließlich mexikanischer. Hier könnte man jedenfalls fotographieren, aber an meiner digitalen Kamera finde ich keine Freude. Bei grellem Sonnelicht ist auf dem Display kaum etwas zu erkennen, dementsprechend geknipst sehen die Fotos aus. In der riesigen Kathedrale endet gerade der Gottesdienst, die Gläubigen noch auf Knien vor den Heiligenfiguren, Nebenaltären und offenen Beichtstühlen, auch nichts wo ich reinblitzen möchte.
Ein paar wenige Bettler, ich hätte an einem Ort wie diesem mehr erwartet. Fast alle haben eine relativ dunkle Hautfarbe. Je dunkler, desto mehr Arbeit in der Landwirtschaft, desto mehr ländliche Herkunft, desto geringer der soziale Status. In Mexico ist jetzt auch Winter (am Tage 20 - 25 C, nachts 10 -12 C), ich sehe nur ein Mädchen mit Sonnenschirm, getragen, um hellhäutig zu bleiben. In dem ganzen Trubel nehme ich auch zwei Männer in Shorts war, Touristen halt.
Dann machen wir noch den Fehler ein Mumienmuseum zu besuchen, ich habe mich nicht informiert und eine Ausstellung indianischer Mumien samt Grabbeigaben erwartet, statt dessen gibt es eine große Zahl luftgetrockneter und überwiegend entkleideter Körper aus dem lokalen Friedhof zu sehen, deren Ruherecht wohl abgelaufen ist und deren Grabkammern geräumt wurden. Interessant sind eigentlich nur die Opfer der Inquisition, an denen die Folterspuren noch zu sehen sind bzw. in ihren Gesichtern wohlmöglich lebendig begraben worden zu sein. Aber dieses Museum am Friedhof am Rande der Stadt ist hier die Sensation. 50 m Schlange bis zur Kasse, 60 m zurück bis zum Eingang, dann schiebt man sich in dieser Formation weiter durch die Ausstellung, die ziemlich schnell langweilig wird.
Silao, wo ich wohne, ist weniger bedeutend. Abgesehen von den zahlreichen Tortillerias gibt es nur zwei, drei wenige Restaurants, recht einfach, ohne über den Gehweg gebauten Baldachin, Angestellte, die den Wagen wegfahren und Empfangsdame. Was ich halt sonst so gewohnt bin.
Auf das Wochenende folgen Silvester und Neujahr. Es verläuft ein wenig enttäuschend oder zumindest anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist ein familiäres Fest, das Hotel füllt sich mit Familien, die ihre Eltern und Großeltern besuchen. Die Restaurants in den nächsten beiden größeren Städten in der Nähe, Leon und Gunajuato, sind geschlossen oder ausgebucht, die in Silao nur geschlossen. Zusammen mit Julio, unserem mexikanischen Hotelkollegen gehen wir zum Zoccalo, hier herrscht wie immer reges Leben. Die Straßen sind von Fahrzeugen verstopft, aber nicht vom Cruisen, sondern von Familien auf dem Weg von und zur Kirche. Es findet ein Nachtlauf statt, ähnlich wie in Braunschweig, vielleicht 20 – 30 Teilnehmer, keine Musikgruppen. Sombreros und Ponchos habe ich eh’ nicht erwartet. Die einzige Bar am Zoccalo zwar offen, aber kein Mensch drin.
In einer Nebenstraße gibt es eine Diskothek, die zur Neujahrsfeier lädt, aber da möchte Julio mit zwei vermeintlich wohlhabenden und offensichtlichen Ausländern nicht rein, er erwartet Ärger aus der Kombination von Jugendlichen (halb Mexico), Alkohol und Andersartigkeit. Das halte ich zumindest nicht für ganz abwegig. Ein ehemaliger Kollege von mir hat sich in einer solchen Situation, aber wahrscheinlich größeren und feinfühlig auftretenden Gruppe von Ausländern, das Nasenbein gebrochen. Außerdem cruist hier nur die Polizei, auf der Ladefläche ihrer Pickups stehend, schwarzer Kampfanzug und Helm. Was tun? Auf Diskothek hätte ich aus anderen Gründen ohnehin keine Lust gehabt, also in die Bar, ein sparsames Feuerwerk über der Stadt, das war’s.
Dafür steigt die Fete hier am folgenden Wochenende zum 6. Januar (heilige drei Könige), ich nehme an, dann werden wie in Spanien die Kinder beschenkt, Kinderfeste in den Restaurants, Luftballons in den Supermärkten, statt Muffins und anderen Gebäcks gibt es nur noch bunte „Rosca de los Reyes“-Kränze, die Bäckereien machen nichts anderes, eine kleine Achterbahn rumpelt über den Zoccalo. Am Sonnabend fahren wir recht früh auf den Cubilete, den höchsten Berg in der Umgebung, erhöht durch eine monumentale Christusstatue als nationales Monument im geographischen Zentrum Mexicos errichtet. Hinauf geht es auf einer ca. 8 km langen Serpentine aus Kopfsteinpflaster mit vielleicht doppelter bis dreifacher Schrittgeschwindigkeit, jedenfalls nicht schneller, als daß die bettelnden Kinder entlang der Straße nicht ein Stück neben dem Wagenfenster herlaufen könnten. Richtig verhungert sieht zwar keines aus, aber arm.
Obwohl nicht weit entfernt von Silao, sind die Leute hier sichtbar ärmer, die Häuser kleiner, ungeheizt sowieso, außer Landwirtschaft verspricht den einzigen Erwerb die Straße zum Gipfel, begleitet von Ständen und kleinen Imbißbuden innerhalb der Ortschaften und besagten Kindern außerhalb. Wir passieren eine Schule mit der Aufschrift „Telesecundaria“, es gibt Fernunterricht. Die Busse, die für GM, unsere Tochtergesellschaft (ca. 1300 Mitarbeiter in Silao) und andere Zulieferer, die Leute zur Arbeit holen und wieder zurück bringen, verkehren nur im Stadtgebiet. Wenn es auf dieser Rumpeltrecke überhaupt Busverkehr gäbe, ist es doch eine Stunde Fahrt bis zum Werk. Auf der anderen Seite würden viele Stände und die Kinder an der Straße ihre Einnahmequelle am Wochenende verlieren, wäre die Straße besser ausgebaut und in normaler Geschwindigkeit befahrbar.
Hin und wieder überholen wir einzelne Reiter oder kleine Gruppen zu Pferd, ich denke erst aus der hiesigen Dorfbevölkerung - der traditionellen Kleidung wegen, dann meine ich Touristen - der großen Zahl wegen, schließlich als wir bereits wieder herunterfahren, vom Berg, der offensichtlich auch Pilgerziel ist, kommt uns eine Prozession entgegen, angeführt von Fahnen, zu zweit zu dritt nebeneinander in kilometerlange Kolonne am Fahrbahnrand, ich schätze ca. zwei- bis dreitausend Reiter, ausschließlich Männer in traditioneller Kleidung, mexikanische Kavallerie wie im Western, nur live. Selbst als wir schon wieder unten in Silao sind, sehe ich noch Gruppen querfeldein Richtung Cubilete reiten. Zwischenzeitlich dachte ich selbst, an einem geführten Ausritt für Touristen teilzunehmen, aber heute ist ganz bestimmt kein Pferd mehr verfügbar. Mit einem Teleobjektiv hätte ich tolle Fotos machen können.
Mal schauen, zumindest aus meiner Sicht bedarf es nächstes Jahr ganz bestimmt einer Revision, Anreise unmittelbar nach Silvester.
Gruß
Jörn
Montag, 7. Januar 2008
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