Samstag, 5. Januar 2008

Silao, 30.12.2007
Hallo liebe Freunde,

am ersten Tag nach den Weihnachtsfeiertagen bin ich auf dem Weg nach Silao/Mexico, kein Abenteuer in Aussicht. Der Flug führt diesmal viel weiter nordwestlich als sonst über Kanada und die USA und nicht an der Küste entlang, wohl deswegen 40 Minuten Verspätung in Mexico. Die Zeit zum Umsteigen ist knapp, habe ich aber vor Jahren auf diesem Flughafen schon mal gemacht, sonst wäre ich erst mal in die falsche Richtung gelaufen. Das Ziel des Anschlußfluges wird unter einem anderen Namen angezeigt (Bajia), als auf meinem Flugticket steht (Leon / Guanajuato), ist aber identifizierbar. Die Nummer des Gates wird nicht angezeigt, ist jedoch durch Fragen zu erfahren. Wie gesagt, ich bin schon mal in Mexico umgestiegen, wenn ich erst einmal zur Einreise in der falschen Schlange gestanden hätte, hätte ich nach der Verspätung den Anschluß nicht mehr bekommen.

Pünktlich um kurz vor 21:00 Uhr Ortszeit bin ich in Leon, kapiere auch gleich, daß ich zum Gepäckband für internationale Flüge muß und nicht zum Inlandband. So warte ich nur noch auf meinen Koffer und meinen Seesack und warte und warte bis mir gesagt wird, daß heute nichts mehr käme.

Ich möchte mein Gepäck doch bitte beim Schalter von Mexicana reklamieren. Raus durch den Zoll, im Empfangsbereich auch kein Kollege mehr zu sehen, der mich abholen sollte. Weiter zum Check-In-Schalter von Mexicana. Nach einigem hin und her kann festgestellt werden, daß in Mexico das Umsteigen vom mir bewältigt wurde, nicht aber von meinem Gepäck. Wann es käme? Morgen, mit der ersten Maschine um 8 Uhr, ist spätestens um 9 im Hotel.

Na gut, da ich nicht weiß, wie ich meinen Abholer finden soll, der wahrscheinlich schon lange weg ist, handle ich ein Taxi aus, das mich ins Hotel bringen soll. Jetzt klingelt mein Mobiltelefon. Jemand aus unserer Zentrale in Puebla erkundigt sich, wo ich sei und das jemand unterwegs sei, mich abzuholen. Außerdem denkt man dort offensichtlich (wird mir später klar), ich sei noch in Mexico auf dem Flughafen, also Taxi rückgängig, Warten auf den Abholdienst. Die haben mich sowieso erst um 22:00 Uhr erwartet. Deswegen dachte man also, ich sei noch in Mexico. Am nächsten Tage werde ich noch einen Kollegen kennenlernen, der um 21:00 Uhr am Flughafen war, mich abzuholen. Konfusion total. Zwischenzeitlich geht im ganzen Flughafengebäude das Licht aus, großes Geschrei. Um 22:45 (5:45 MEZ) bin ich endlich im Hotel, fast 21 Stunden von Tür zu Tür. Gesamte Kommunikation auf Spanisch.

Am Abend erfahre ich noch, daß ca. 90% der Mitarbeiter des Dienstleisters von dem wir die Montagedienstleistungen hier zum 1. Januar übernehmen, bei unserer Tochtergesellschaft unterschrieben haben, d.h. die Leute kennen ihre Tätigkeiten und brauchen (zumindest dafür) nicht geschult zu werden. Hatte ich vorher schon mit gerechnet, Trotzdem: Entspannung.

Am nächsten morgen sage ich schnell an der Rezeption bescheid, daß so gegen 09:00 meine Koffer kämen, dann ins Werk. Beim ersten Rundgang erfahre ich, daß die Verantwortung und Durchführung der Instandhaltung der zu übernehmenden Montageanlagen bei General Motors (GM) verbleibt und nicht von uns geplant und durchgeführt werden muß. Damit habe ich meine Aufgaben bereits gelöst, bevor ich richtig angefangen habe. Totale Entspannung. Was mache ich die nächsten drei Wochen?

Zwischen den Feiertagen ist an der Endmontagelinie von GM Betriebsruhe, bei uns jedoch im Zusammenhang mit den neuen Aufgaben Hochbetrieb. In den Büros teilen sich in der Regel 2 Mitarbeiter einen Schreibtisch von der Größe meines in Wolfsburg oder haben deutlich kleinere Schreibtische. Das unser Tochterunternehmen in vielen Dingen besser organisiert ist als die Mutter in Deutschland, liegt sicher auch daran, daß es einfach mehr Leute gibt. Für jede Aufgabe einen zuständigen Spezialisten. Was ich in Deutschland alleine schlampig mache, machen hier mehrere entsprechend detailliert.

An der für uns wichtigsten Montagelinie, der Instrumententafel, werden zu Schulungszwecken zwei Instrumententafeln immer wieder zusammengebaut und zerlegt. Man sieht, daß die Mitarbeiter diese Tätigkeit nicht zum ersten Mal machen, eigentlich die Mitarbeiterinnen, 90% Frauen, zwischen 1,50 und 1,60 m groß, entsprechend tief gehängt sind die Werkstückträger, ich habe einen guten Überblick. Viele sehr jung. z. T. erst 19 oder 17 Jahre alt (da habe ich allerdings ein paar Zweifel, wobei, sie haben mich zuerst gefragt und leider auch fast richtig geschätzt). Mein Kollege Cord von unserer Zentrale in Puebla erklärt, daß Begrüßung mit Wangenkuß in Deutschland am Arbeitsplatz nicht üblich sei.

Auf der einen Seite der Wunsch nach Bildung, z.B.: Vorstellungen von einem Studium in den USA, der Wunsch mit mir Englisch zu sprechen (tut mir leid, ich bin hier, um mein Spanisch zu verbessern) auf der anderen Seite verwunderliche Allgemeinbildung und geographisches Vorstellungsvermögen. Unsere Unternehmenszentrale ist in Puebla, mexikanischer Bundesstaat und dessen Hauptstadt zugleich. Wo das sei? Deutschland, kleiner als Mexico? Einstellungsvoraussetzung ist Abschluß Secundaria, d.h. 10 Jahre Schule. Na gut, auch in Deutschland können nicht alle Schüler sämtliche Bundesländer aufzählen, auch nicht, als es nur 11 waren. Wie viele waren das gleich, als ich zur Schule ging? Es gibt frische Wäsche: zwei Satz Firmenkleidung, Hose und T-Shirt.

Am Abend an der Rezeption, ob denn mein Gepäck da sei. Nein, leider nicht. Das auf dem Reklamationsbeleg genannte Telefon wird nicht abgenommen. Also fährt mich mein mexikanischer Kollege, der mit mir im Hotel wohnt, zum Flughafen von Leon, nur 7 km entfernt. Ja, das Gepäck ist in Mexico. Wann es kommt? Später, mit der letzten Maschine, aber heute noch. Es wird spätestens gegen 23:00 Uhr im Hotel sein. Auf dem Rückweg überlege ich, ein paar Socken und eine Unterhose zu kaufen.

Sonnabend morgen. Hätte ich mir doch ein paar Socken gekauft. Ich rufe auf seinem Zimmer einen weiteren Kollegen an, der in Nacht aus Südafrika gekommen ist (38 Stunden Anreise, von Uitenhage über Johannesburg und Paris, von Mexico nicht im Flugzeug, sondern 5 Stunden im Auto, wer hat das gebucht?).

Das Hotel steht am Stadtrand von Silao an der vorbeiführenden Autobahn/Schnellstraße, Hoteladresse ist typischerweise der Autobahnkilometer. Wir gehen in die Stadt. Die Wohnhäuser, Zimmer für Zimmer und Stockwerk für Stockwerk gebaut, so wie Geld da ist mit den gerade verfügbaren Materialien. Die Armierung für das nächste Stockwerk steht aus der letzten Decke schon nach oben raus.

In der Stadt ist Einkaufzeit, überall zur Straße hin offene Läden und Tortillerias, kleine Markt- und Imbißstände unter Planen oder überdachten Markthallen, viel Kinderkleidung, Spielzeug, Jeans, Lebensmittel, überwiegend indigene Bevölkerung, ein wenig arm und bunt gekleidet unter greller Sonne, wie man sich als Tourist Mexico vorstellt und auch die schönsten Fotos abgäbe, wäre es mir nicht unangenehm, hier auf kürzeste Distanz zu fotographieren. Die Kirchen noch von den Festtagen geschmückt, Krippen in vielen Straßen und auf den Plätzen. Auch im Werk bei uns im Lager ist eine Krippe aufgebaut.

Auf dem Zoccalo, dem zentralen Platz mexikanischer Städte, werden wir von Kindern angesprochen, die wie ich zunächst denke, ihr Englisch ausprobieren wollen. Dann reichen sie uns Broschüren, es sind Kinder eines Zeugen Jehovas, die weise ich in der Regel zwar höflich, aber kurz zurück, aber dieser hier weiß, daß ich Deutscher bin, woher? Er hat mich gestern im Werk gesehen, (außerdem habe ich die Firmenkleidung an, was sonst) und kennt Mitglieder unserer Geschäftsleitung in Puebla, ein GM-Manager offensichtlich. Mein Kollege aus Südafrika ist obendrein mit einer Zeugin Jehovas verheiratet. Überzeugungsarbeit ist hier also nicht mehr von nöten und so nimmt das Gespräch einen ganz normalen Verlauf. Immer zunächst freundlich bleiben und schauen was passiert.

Ich kaufe Socken, unitalla (one size fits all). Bei den Unterhosen verstehe ich die Größenkennzeichnung nicht, vielleicht kommt mein Gepäck ja heute.

Am Abend ist auch mit Unterstützung meines mexikanischen Kollegen telefonisch von der Fluglinie keine Auskunft über den Verbleib meines Gepäcks zu bekommen. Also wieder zum Flughafen, zu dritt, neben mir ein breitschultriger Bure, zum Check-In-Schalter von Mexicana. Ziel: wenigstens eine adäquate Telefonnummer von KLM in Mexico zu bekommen, wo ich mir mehr Engagement verspreche. Überraschung: beim zweiten nachschauen ist der Koffer da, den Etiketten nach schon seit etwa 14:00 Uhr und es steht hier auch genug uniformiertes Personal herum, das sich zum Beispiel um nachgeliefertes Gepäck kümmern könnte, geschieht aber offensichtlich nur auf Nachfrage. Die Manager tragen Schlips und weiße Hemden, machen Zusagen – das Gepäck ins Hotel zu liefern – kümmern sich aber nicht um die Ausführung. Das wichtigste habe ich nun zunächst, fehlt nur noch der Seesack mit Sportzeug und den Schuhen. Morgen, mit der ersten Maschine.

Damit hat das Abenteuer sein Ende, höchstens daß ich Silvester noch Wanderstiefel trage.

Ein frohes neues Jahr wünscht Euch

Jörn

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