Montag, 31. August 2009

Skt. Petersburg, 29.08.2009, Халло лиебе Фреунде, Dein Freund und Helfer

ich habe mich lange nicht gemeldet und wollte eigentlich über meine neue Position als Chef und Vorgesetzter schreiben, aber da gehört ein Verhältnis dazu, über das ich erst noch nicht berichten wollte und jetzt nicht mehr. Statt dessen gebe ich vorerst meine bisher vier Kontakte mit der Miliz (2 blaue Signallampen) bzw.der Verkehrspolizei (1 x rot und 1 x blau) zum besten.

Der erste Kontakt war harmlos, er nur russisch, ich nur deutsch, daß hat sich schon in mehreren Ländern bewährt und endet häufig mit der Einstellung des Verfahrens wegen zu erwartender übergroßer Anstrengung das Vergehen verständlich zu machen, dessen ich mir natürlich bewußt bin.

Im Mai werde ich wieder von der Verkehrspolizei gestoppt. Zur Aufnahme des Vergehens nehme ich Platz auf dem Beifahrersitz des Polizei Ladas. Diesmal lassen sie sich von fehlenden Sprachkenntnissen nicht abschrecken, sondern arbeiten mit Gebärdensprache. Der Staatsbedienstete versucht mir durch wechselseitiges überkreuzen seiner Hände mit meinem Führerschein in der einen Hand und offensichtlich einem Ersatzpapier in der anderen Hand klarzumachen, daß er jetzt meinen Führerschein einziehen und mir das Ersatzpapier geben wird. Dazu klappt er die Sonnenblende auf und nieder. Ich tue so, als ob ich nicht verstehe, dabei ist mir von meine russischen Kollegen völlig klar, was der Wink mit der Sonnenblende bedeutet und was ich dahinter zu stecken habe. Er läßt mich draußen an der Leitplanke ca. 15 Minuten warten, während der nächste Verkehrsteilnehmer abkassiert wird. Dann werde ich wieder in den Wagen gebeten.

Jetzt wird er direkter: Er schreibt auf seinen Protokollblock: 500 €. Obwohl ich gar nicht zucke, diesen Reflex hab ich mir beim Einkaufen mit Elena schon abgewöhnt, streicht er sofort eine 0 weg. bleiben ca. 2250 Rubel, Das liegt im Rahmen, meine Kollegen, die noch bis März hier waren, haben zwischen 2000 und 3000 Rubel bezahlt. ich hatte zwar die Absicht, mich nicht an der Korruption zu beteiligen, mit Rücksicht auf meine noch nicht erteilte Arbeitserlaubnis möchte ich aber keine laufenden Verfahren gegen mich haben. Außerdem ist mir unklar, ob ich mit dem im Austausch angebotenen Papier weiterfahren darf und was mache ich in Deutschland, wenn ich an der Mietwagenstation meinen Führerschein zeigen soll? Ich vermute, daß ich den Führerschein nicht so schnell wiederbekomme.

Mit Blickbewegungen werde ich aufgefordert die 50 € im Handschuhfach des Polizei Ladas zu deponieren, denn es ist ist russischen Polizisten nicht gestattet, Geld anzunehmen. Ein Kollege mußte das Geld mal in ein aufgeklapptes Notizbuch in den Händen eines Beamten stecken, während dieser wegschaute, Kaum habe ich die 50 € im Handschuhfach hinterlegt, wird der Ton unfreundlich und barsch. Ich interpretiere dies als die pflichtgemäße mündliche Verwarnung auf russisch. Leider habe ich mir nicht das KFZ-Kennzeichen aufgeschrieben und einleitend auch kein Photo der beiden Gestalten gemacht, hätte möglicherweise auch Ärger gegeben, ohne Zeugen an einer Ausfallstraße. Diese Stelle ist beliebt, denn sie ist autobahnähnlich ausgebaut, aber es sind nur 60 km/h erlaubt. Selbst die Beamten in Mercedes Polizeifahrzeugen, die hohe Politiker vom und zum nahegelegenen Flughafen eskortieren, vertreiben sich hier mitunter gewinnbringend die Wartezeit.

So weit ich weiß, verdient ein Milizionär ca. 7.000 bis 10.000 Rubel, weniger als die Hälfte dessen, was unsere Werker bekommen und zum Leben zumindest in Skt. Petersburg objektiv zu wenig. Aber es ist immerhin mehr als Peter der Große seinen Beamten zugestanden hat, nämlich gar keinen Sold. Begründung: Sie nähmen sich sich sowieso was sie wollen.

Auch wenn ich mich aus der offenen Korruption heraushalten will, die verdeckte nehme ich schon lange hin. Die gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitssicherheit, undurchschaubar, weil in vielen Gesetzen verteilt und unbestimmt, erfordern für unsere Mitarbeiter zahlreiche Lehrgänge und Zertifikate. Um mit elektrischen Schraubern arbeiten zu dürfen: "Bedienung elektrischer Geräte", 72 Stunden, das sind 9 Arbeitstage. Am Ende geht es in zweien: Ein Tag Lehrgang, am nächsten Tag die Prüfung. Wir brauchen zum Betrieb unserer Anlagen einen Elektriker der Qualifikationsstufe IV. Anton hat nur III, und das Zertifikat nicht verfügbar, da es nur für seinen vorherigen Betrieb galt. Der Lehrgang hat zwar schon angefangen, aber Teilnahme und um eine Woche vorgezogene Prüfung sind möglich, gegen Barzahlung. Buchhalterisch wird Anton ein Bonus gezahlt, der aber direkt an das Trainingszentrum geht und von dort dann vermutlich anteilig zum Prüfer. Dafür ist Anton nicht so lange weg aus dem Betrieb und wir bekommen eine steuerlich korrekte Rechnung vom Trainingszentrum und das Zertifikat. Ohne dieses hätte ich bis zu Antons regulärer Prüfung einen externen Elektriker einstellen müssen. Vor ca. zwei Monaten hat IKEA angekündigt, bis auf weiteres nicht mehr in Rußland zu Investieren, da die Eröffnung des neuen Marktes in Samara seit zwei Jahren immer wieder an neuen Auflagen scheitert. Zuletzt war das Gebäude nicht sturmsicher in Verbindung mit der Empfehlung eines Bauunternehmers, der diesen Mangel schnell beheben könnte (http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/ikea-kaempft-in-russland-mit-korruption;2383814). IKEA ist seit fast 20 Jahren in Rußland vertreten, kennt sich also aus. Wir fangen gerade erst an. Elena erzählt mir von einem Bekannten, der auf dem regulären Weg ein Verkehrsvergehen abwickeln wollte, um die Verkehrspolizei nicht zu bestechen. Fünfmal mußte er vor Gericht erscheinen. Am Ende war es sogar teurer, da er den Richter bestechen mußte, um seinen Führerschein zu behalten. Ich hatte bereits berichtet von dem Lackschaden am Wagen letztes Jahr. Der Versuch das Protokoll für die Versicherung über den aufgenommen Unfallschaden von der Polizeistation abzuholen war ohne Erfolg. Die Kollegen konnten morgens in einer Stadt außerhalb Skt. Petersburgs auf dem Revier eine Nummer ziehen und erwarten zwischen 10 und 15 Uhr aufgerufen zu werden. Sicherlich hätte man die Wartefrist verkürzen können.

Anfang Juli, nach dem Betriebsurlaub ist vor der Ausfahrt aus dem Okey-Supermarkt eine doppelte durchzogene Linie frisch aufgebracht. Als gewohnheitsmäßiger Linksabbieger an dieser Stelle müßte ich diese Linie jetzt überqueren. Mir ist bewußt, daß Taxifahrer diese Linien respektieren und eher Umwege fahren, als sie unzulässig zu überqueren. Ich müßte jetzt einen Kilometer zurückfahren, also biege ich trotzdem links ab. Ich hätte es mir denken können: an der nächsten Kreuzung, 200 m weiter, wartet verdeckt die Miliz und beobachtet, wer vom Supermarkt kommend über die neu gezogene Line fährt. Ich nutze zwar noch die Gelegenheit verdeckt hinter einem LKW rechts abzubiegen und so zu tun, als hätte ich den Milizionär nicht gesehen mit seiner Kelle winkend bzw. in Rußland ist das ein gestreifter Signalstock. Da ich mit Verfolgung rechne, halte ich mich jetzt exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Straßen hier sind so elend lang, ich kann auch nicht in einer Nebenstraße verschwinden. Im Rückspiel erscheint der korrupte Lada, die Polizeihupe: "Quark, Quark" fordert zum halten auf. Wir machen nicht viele Worte, das Spiel mit dem Austauschen des Führerscheins gegen die Plastikkarte, "Protokoll, no Protokoll?" "No Protokoll, 1000 Rubel", "Is less money", "2000 Rubel", "It is not much", "O.k. Protokoll", "O.k. 2000 Rubel". (unter die Zeitschrift auf dem Rücksitz).

Eine weitere Woche später ist auch in meiner Straße die im Winter weggewaschene doppelte Line neu gezogen, so daß ich auf dem Heimwege nicht mehr die Gegenfahrbahn querend auf den Hof zu meiner Wohnung fahren kann. An beiden Straßenenden steht die Miliz. Eine frische durchgezogene Linie ist für die Miliz, wie ein Eimer Honig für die Bienen.

Heute wollte ich mit einer Mitarbeiterin zum Luftdruckpistolen schießen gehen. Ich warte mit dem Wagen vor ihrem Wohnblock, um die Straße nicht zu blockieren auf einer matschigen Fläche oberhalb der Bordsteinkante. Von hinten kommt ein Milizfahrzeug langsam an mir vorbeigezogen und stellt sich in die Einfahrt vor mir. Wollen die zum Kiosk oder ist mit meinem Wagen etwas nicht in Ordnung? Ich wüßte zwar nicht was, abgesehen davon, daß ich kein Russe bin. Tatsächlich, ich bin gemeint. Diesmal geht gar kein Englisch, keine doppelt durchgezogene Linie, keine Geschwindigkeitsüberschreitung, ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich falsch gemacht haben könnte. Mein Wagen ist auch nicht der einzige, der hier steht. Meinen Führerschein zeige ich gar nicht erst. Sie haben schon aufgegeben und sind im Begriff wieder in ihren Lada zu steigen, da kommt Lisa mit einer Freundin. Jetzt ist Kommunikation möglich. Ich soll zur Wache folgen, dauert nicht länger als 10 bis 15 Minuten. Also hinterher, die Wache ist gleich im Hof hinter der nächsten Einfahrt. Vor dem Schichtwechsel war ich wohl die letzte Gelegenheit, die man noch mitnehmen konnte. 12:40 h auf der Wache, mein Reisepaß wird einbehalten. Drei dunkle Käfige mit z.T. mehreren Insassen, die auf dem Boden kauern. Wir dürfen an der frischen Luft warten, der Inspektor käme in spätestens drei Stunden. Zwischendurch erläutert der alkoholisierte Wachhabende mit großer Ernsthaftigkeit die Schwere des Vergehens auf einer Grünfläche geparkt zu haben (ich schwöre: kein einziger Grashalm weit und breit). Das sei in Moskau und Skt. Petersburg verboten und mit 5000 Rubel Strafe belegt ~ 110 € . Ich verstehe 5000 und "Strafe" russisch: "Straf". Dann dürfen wir weiter auf dem Hof der Polizeistation warten.




Mit 5000 Rubeln und 3 Stunden Wartezeit ist die Verhandlungsgrundlage definiert, von der aus es günstiger werden und schneller gehen könnte. D.h., ich müßte jetzt die Initiative ergreifen und den untadeligen Beamten zu einem Dienstvergehen verleiten. Der Wachhabende läßt uns warten, aber heute will ich nicht zahlen. Vielleicht versaue ich Lisa und ihrer Freundin den Tag, aber wären sie ein wenig später gekommen, hätte diese letzte Begegnung so geendet wie die Erste.

Zwischenzeitliches Nachfragen bringt keine neuen Erkenntnisse, der Inspektor sei noch nicht da. Nach drei Stunden beschließe ich das deutsche Konsulat anzurufen, Lisa hat WLAN auf Ihrem Ipod, um die Telefonnummer zu finden. Dort gibt es einen Bereitschaftsdienst. Keine Auskunft darüber, wie lange man mich auf dem Revier festhalten darf und ob ich Anspruch auf einen Dolmetscher hätte, einen Anwalt kann man mir am Wochenende auch nicht vermitteln. Irgendwer wird mich anrufen und mich unterstützen. Es meldet sich später eine Dolmetscherin, die ich aber nicht brauche, da Lisa wesentlich besser deutsch spricht als ich nach dreieinhalb Stunden schließlich mit Verweis auf das Deutsche Konsulat ein Protokoll fordere und den Namen des Wachhabenden und eine Erklärung. Obwohl wir mit unserem Wagen die ganze Zeit auf dem Platz standen, den er uns angewiesen hat, hätte er uns zwischenzeitlich nicht gefunden.

Dann geht es relativ schnell, der Inspektor ist da und hat Zeit. Lisas selbstsicheres Auftreten gegenüber den Beamten mit sachlichen und gezielten Fragen hat mir ausgesprochen gut gefallen, mehr als ich von einer 23jährigen erwarte habe. Sehr enttäuscht bin ich von der mangelnden Unterstützung durch den zahn- und ahnungslosen Bereitschaftsdienst des deutschen Konsulates.

jetzt ist es 17:20 Uhr Vom ersten Kontakt mit der Miliz heute bis zum Verlassen der Wache sind faßt 5 Stunden vergangen, damit ist es aber noch nicht zu Ende. Am 15.09,09 ist die Verhandlung, in welcher Form auch immer, da ich zu diesem Termin wieder auf der Wache erscheinen soll. Aber diesmal möchte ich es korrekt zu Ende bringen.

Груcc

Jörn